Momentaufnahme #5: Wie geht es weiter?

Warum bist du schon wieder aus der Klinik zurück?
Wie geht es nun weiter?


Auf Instagram habe ich es bereits mitgeteilt:
Ich bin früher als geplant entlassen worden.

Nein, ich wurde nicht rausgeworfen. Und ja, man könnte es auch „abgebrochen“ nennen.
Ich bevorzuge: „Ich habe für mich entschieden vorzeitig nach Hause zu fahren.“

„Judith du läufst davon.“
– Ja, stimmt. Ich laufe davon. Ich flüchte. Ich renne weg. Und das aus gutem Grund. Ich darf fliehen. Ich darf davon laufen.
Überflutet von Flashbacks, Panikattacken, Angstzuständen, Schwindel, Aggressionen, Selbstzerstörungswut, Wahnhaftigkeit, Albträumen, Dissoziationen und suizidalen Gedanken habe ich mir einfach mal das Recht rausgenommen und mich selbst davor geschützt.
Für mich ist das ein Fortschritt. Und kein Rückschritt.

Und jetzt?
Ich bereue meine Entscheidung keine Sekunde und würde sie jederzeit wieder treffen. Was mir allerdings arg zu schaffen macht ist, dass ich wundervolle Menschen dort zurück geLASSEn habe.
In diesen 3,5 Wochen konnte ich wieder mal spüren wie wichtig soziale Kontakte sind und wie gut es tun kann. Für mich bedeutet das oft Stress und Anspannung.
Ich durfte erfahren wie stabilisierend gesunde Beziehungen sind, wenn man sich darauf einlässt. Und das ist auch eine Sache die ich definitv mit nach Hause genommen habe. Ich möchte mich nicht wieder in mein Schneckenhaus zurück ziehen und mir mehr Zeit für Freunde und Familie nehmen. Auch wenn das viel Mut und Kraft kostet, soll es auf jeden Fall wieder mehr in den Vordergrund rücken.
Ja ja, die Sache mit den Prioritäten ist nicht ganz einfach.

Apropos Prioritäten.
Ich habe schon das ein oder andere mal über den Druck geschrieben, der dadurch entsteht, dass es ein gesellschaftliches No-Go ist, mehrere Wochen, Monate oder sogar Jahre arbeitsunfähig zu sein und, wie immer so schön gesagt wird, „Auf Kosten des Staates/ der Anderen“ zu leben.
Falls auch du so denkst, dann bitte lies jetzt sehr aufmerksam, mit offenem Geist und offenem Herzen: Ich, sowie die Mehrzahl der psychisch bedingt arbeitsunfähigen Menschen da draußen, würden nichts lieber tun, als endlich ein normales, geregeltes Leben zu führen. Vielleicht sogar eine Familie zu gründen. Diese Arbeitsunfähigkeit stelle ich mir nicht alle vier Wochen selbst aus. Sie beruht auf einer medizinischen Indikation, die besagt, dass ich gesundheitlich nicht in der Lage bin meinen Lebensunterhalt selbst zu finanzieren. Und glaub mir, das ist kein schönes Gefühl!

Sagst du zu einem Krebspatienten, der gerade und vielleicht schon seit Jahren um sein Überleben kämpfen muss, dass er sich endlich mal zusammenreißen soll?! Dass schon alles gut wird, wenn er sich mal ordentlich diszipliniert, arbeiten geht, ein positives Mindset entwickelt und genug Obst und Gemüse zu sich nimmt?! Du findest den Vergleich unpassend? Dann freue ich mich für dich, dass du anscheinend folgende Situationen und Zustände entweder nicht kennst oder „besser“ damit umgehen kannst, als ich.
Ich kämpfe jeden verdammten Tag um mein Überleben.
An jedem Tag, an dem ich abends ins Bett gehe, bin ich nicht den zwanghaft aufdrängenden Stimmen in meinem Kopf nachgegangen, die mich auffordern endlich dieses Elend zu beenden. 24 Stunden, in denen ich gegen die Stimmen angekämpft habe, die mir sagen wollen, dass ich und meine ganze Existenz wert- und sinnlos sind.
24 Stunden, die ich manchmal nur damit verbringen kann zu atmen, weil jede Bewegung oder Aktivität eine neue Gedankenflut auslösen kann. Und diese Gedankenflut wiederum kann diese oben genannten suizidalen Anteile in mir aktivieren.
Was ich damit sagen will: Ich arbeite. Ich habe einen Fulltime-Job. Oder besser gesagt: Ich mache eine schulische Ausbildung. 24 Stunden. 7 Tage die Woche.
Auf meinem Stundenplan stehen: Radikale Akzeptanz, Umgang mit Gefühlen, Achtsamkeit, Atmen, Entspannungsverfahren, Kunst, verschiedene Formen des Ausdrucks, Reflexion, Essstruktur, Umgang mit Flashbacks und Panik, Ressourcen- und Skillstraining, Musiktherapie, gewaltfreie Kommunikation, soziale Interaktionen, Verhaltensanalyse, Gefühlsanalysen, Innere Kommunikation, Integration von dissoziierten Selbstanteilen und noch so einiges mehr.

Eventuell bin ich gerade in Rage geraten und vom Thema abgekommen.
Ursprüngich ging es um Prioritäten. Was ich eigentlich nur sagen wollte ist, dass meine berufliche Orientierung in den Hintergrund rückt und mein ganz persönlicher Stundenplan an erster Stelle steht.

Ich will ein gutes Leben führen. Für mich. Und nicht um einen Sinn und Zweck in der Gesellschaft zu erfüllen. Dass eine Gemeinschaft ohne die Mitarbeit eines jeden Einzelnen nicht funktionieren kann, ist mir klar. Und trotzdem sollte ein Netz gebildet werden, durch dessen Maschen die Kleinen, Schwachen und/oder Kranken nicht hindurchfallen, sondern mitgetragen werden.

Auch, wenn ich noch vieles hinzufügen könnte beende ich diese Momentaufnahme und freue mich schon darauf den nächsten Beitrag zu verfassen.

Pass gut auf dich auf!

Tschao Kakao.

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Ein Gedanke zu „Momentaufnahme #5: Wie geht es weiter?“

  1. Danke für deinen Beitrag! Ich hab bei jedem Satz nur gedacht „das könnte von mir sein“. Ich verstehe dich so gut. Manche Leute glauben man macht sich eine schöne Zeit zuhause. Dabei ist jeder Tag so anstrengend und man arbeitet pausenlos. Ich finde auch, dass du das Richtige tust, wenn du dich vor diesen Eindrücken in der Klinik schützt. Die Leute verstehen oft nicht, dass es Dinge gibt, die zu überwältigend sind, die einem mehr schaden als nützen, auch wenn sie offiziell „Therapie“ heißen. Was einem hilft und was einem schadet kann nur jeder für sich selbst beurteilen. Liebe Grüße!

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