Rückblick auf 2 Jahre ambulante Therapie

Was hat sich verändert, seit ich das erste Mal diese Praxis betreten habe?
Hat sich überhaupt was verändert?

Ich finde es schwer das zu beurteilen.
Natürlich hat sich etwas verändert.
Aber ob das nun besser oder schlechter ist?
Schließlich fühle ich mich im Moment nicht wirklich besser, als vor 2 Jahren.

Erschreckend finde ich, dass ich mich weder so richtig an den Inhalt der ersten Stunden, noch daran wie es mir damals ging erinnern kann, aber genau weiß wie viel ich Ende April 2016 wog.

Als meine Therapeutin mir vergangenen Dienstag ein paar Zeilen aus der allerersten Stunde vorlas, hätte das durchaus eine Aufzeichnung von heute sein können:
Hoffnungslosigkeit. Verzweiflung. Antriebslos. Unstillbarer Hunger und gleichzeitige Appetitlosigkeit.
Doch als sie weiterlas musste ich lachen. Es war ein zynisches Lachen. Bitter.
Traurig, dass ich mich so sehr selbst belogen habe und froh, dass ich heute wesentlich ehrlicher zu mir selbst bin.

Ich kam zu ihr in die Therapie, weil ich wieder funktionieren wollte. Und das habe ich wortwörtlich so gesagt!
„Ich möchte wieder funktionieren, um meine Ausbildung weiter zu machen.“
Auch verschiedene zwischenmenschliche Beziehungen würde ich heute ganz anders beschreiben als damals.

Nach den ersten 4-5 Stunden war ich plötzlich in der Akutpsychiatrie und lag nach einem Suizidversuch auf der Intensivstation. Sie hat das nicht kommen sehen. Fand, dass ich recht stabil wirkte. Und ich selbst hätte voller Überzeugung gesagt, dass es schon irgendwie okay ist.
Ich habe mich (und alle anderen) so lange belogen, bis ich mir selbst geglaubt habe.
Bis dann halt in einem Moment alles einstürzt. Nicht nur in der Tatsache wie es mir geht, sondern in sämtlichen Bereichen meines Lebens.
Vorherige Therapeuten in Kliniken haben in die Abschlussberichte geschrieben, dass ich total gut selbst reflektieren könnte, worüber ich im Rückblick echt lachen muss.
Ich war so scheiße gut darin etwas zu spielen und mich vollkommen mit dieser Rolle zu identifizieren.
Ich war die perfekte Patientin. Habe die richtigen Fragen gestellt und die Antworten gegeben, die mein Gegenüber hören wollte. Hatte immer den Fokus darauf, wieder zu funktionieren. Wieder ein passendes Glied im Symstem zu sein.

Und heute?
Heute sind diese Gedanken auch noch da.
Heute spiele ich auch noch oft und trage meine Maske.
Heute will ich auch manchmal einfach wieder funktionieren.
Bin für mich selbst und auch meine Therapeutin manchmal noch unberechenbar.
Heute wünsche ich mir nicht selten, dass jemand kommt, der mir die Last abnimmt.

Aber es ist anders.
Ich nehme es wahr.

Hole mir diese Dinge ins Bewusstsein und prüfe sie.
Ich bemerke, wenn ich ein Spiel spiele.
Wenn ich eine Rolle übernehme.Und das ist auch vollkommen okay.
Das sind Schutzmechanismen, die ja an sich nicht dumm sind,
solange man sie selbst bemerkt.
Und ich traue mich öfter die Maske abzulegen. Vor mir und auch vor anderen.
Bin offener und ehrlicher geworden.
Traue mich über den Tellerrand zu schauen.

Warum geht es mir dann oft noch so schlecht?
Ganz einfach: weil die Wahrheit anzuerkennen schmerzhaft ist.
Es tut weh den Tatsachen in die Augen zu schauen.
Die Wahrheit anzusehen bringt Angst, Scham, Schuld, Wut und Trauer mit sich.
Aber auch Vertrauen, Hoffnung und echte Beziehungen.
Und vor allem bringt es mich auf den richtigen Weg.
Oder dreht mich zumindest in die richtige Richtung.

Die Ziele, die ich heute für möglich halte, hätte ich vor 2,5 Jahren nicht gewagt zu träumen.
Ich erlaube mir still zu werden und mir selbst zuzuhören.

Auch wenn es mir oft nicht so vor kommt, aber mein Leben ist mir wieder etwas wert. Ich bin mir selbst etwas wert.

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Ein Gedanke zu „Rückblick auf 2 Jahre ambulante Therapie“

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