Momentaufnahme #1: Therapiestunde

Dienstag. 06.03.18. Eine Doppelstunde. 100 Minuten.

Meine Motivation und die Stimmung sinkt, je näher ich der Praxis komme. Draußen ist herrliches Wetter. Frühling hängt in der Luft, die Sonne kitzelt im Gesicht und ich fahre nach vielen Wochen endlich wieder mit dem Rad. Freiheit. Aber innen sieht es anders aus. Getrieben. Gehetzt. Angst.
Wie sollen wir denn die ganze Zeit füllen? Ich hatte zuvor noch nie eine so lange Therapiestunde. Und die ganze Zeit geht es um mich. Was ich fühle. Was ich spüre. Was ich denke. Der Gedanke daran führt schon zu massiver Überforderung und Widerstand in mir.

Angekommen. Anwesend. Ich bin in mich gekehrt, antworte kurz und knapp, starre ins Leere und zeige wenig Kommunikationsbereitschaft. Nachdem sie den Arztbrief vom letzten Aufenthalt überflogen hat, fragt sie, was wir heute mit der Stunde anfangen wollen.

„Was brauchen Sie jetzt?!“

Diese Frage steht zwar nicht auf Platz 1 der meist-gehassten Therapie Fragen, aber doch schon ziemlich weit oben. Denn ganz ehrlich: Ich habe keinen Plan. Den habe ich eigentlich nie. Wonach ist mir? Was würde mein Körper gerade gerne tun und was meine Seele? Was nehme ich wahr und was wäre jetzt gut für mich?

Ich bin eigentlich ziemlich froh, überhaupt aus dem Bett raus und halbwegs frisch und angezogen in der Praxis angekommen zu sein. Reicht das denn nicht?
-Nein, denn wir sind ja nicht zu unserem Vergnügen hier. Jedenfalls nicht zu meinem. Zumindest noch nicht.

Als ich ihr sage, dass ich heute keine Worte finde, schlägt sie vor an die letzte Stunde anzuknüpfen und mit der Körperarbeit weiterzumachen.

Wie nehme ich meinen Körper wahr? Nehme ich ihn überhaupt wahr? Was ist gerade wo los?

Sie fragt mich oft, wie ich gerade meinen Körper spüre.
Ich verstehe diese Frage nicht. Wie soll ich ihn schon spüren? Ich hab Zehen, die an den Füßen hängen, die wiederum an den Unterschenkeln und so weiter. Ich spüre jeden einzelnen Zentimeter meines Körpers. Es ist halt mein Körper. Ich weiß, wo und in welcher Position gerade meine Knie sind und was meine Hände machen. Ich spüre meinen Körper. Als Körper. Na ja…mehr so als Maschine. Der ist halt da und tut, was ich von ihm verlange.
Meistens. Häufig. Öfter mal auch nicht. Aber im Großen und Ganzen erfüllt er seine Funktion. Mehr aber auch nicht.

Ganz langsam und leise flammt da immer mal etwas in mir auf: Was, wenn da mehr ist? Was, wenn der Körper viel mehr kann, als funktionieren und meinen Anweisungen zu folgen? Als eine Hülle um etwas zu geben, was nicht auseinander fallen soll? Was, wenn ich viel mehr spüren könnte, als das? …Wenn mein Körper mit mir redet und ich seine Worte verstehe?

Mittlerweile glaube ich, dass der Körper so viel mehr ist und kann, als ich bisher erfahren habe.

Und genau deshalb, lasse ich mich darauf ein. Auf das Experiment Körperarbeit.

Ich erinnere mich an Neale Donald Walschs Worte aus Gespräche mit Gott:

Eure Aufgabe auf Erden ist es deshalb nicht zu lernen (weil ihr bereits wisst), sondern euch zu erinnern / wieder einzugliedern / zusammenzufügen, wer-ihr-seid […] “

Das fühlt sich gerade so wahr an.

Zurück zur Stunde. Zu meinem Körper. Was nehme ich wahr?
Meine Füße & Hände kribbeln und sind unruhig, meine Waden tun weh, mein Bauch fühlt sich undefinierbar komisch an und Kopfschmerzen habe ich auch.

Was wollen die Füße tun? Laufen. Ja, seit ich aufgestanden bin, sehne ich mich danach endlich wieder auf das Laufband zu steigen und zu rennen.

Und die Hände? Ich möchte irgendwo gegen schlagen. Da fällt mir ein, dass ich heute Nacht im Traum ständig mit der Faust irgendwo gegen geschlagen habe. Schränke, Wände, Türen.

Aber nur die rechte Hand. Was die linke will, kann ich nicht sagen. Die ist einfach nur kribbelig und weiß wohl selber nicht genau, was sie will.

Okay, erstmal die Füße. Wir haben die ganze Praxis für uns. Aber in Hausschuhen von Tür zu Tür laufen und ist nicht wirklich befriedigend kann ich euch sagen.

Ich fühle mich unwohl. Riesig und Breit. So, als würde ich zu viel Platz einnehmen. Jede Bewegung die ich mache verfällt meinem negativen Urteil. Fühle mich beobachtet und einfach nur total dämlich.
Aber ich möchte mich drauf einlassen. Also ausprobieren. Ziel: Balkon.
Angekommen. War so scheiße, wie ich erwartet habe. Das drückt mein Impuls zu laufen nun wirklich nicht aus. Aber die Luft hier draußen ist einfach herrlich.

„Ich kann hier endlich mal frei atmen“.

Meine Füße werden immer unruhiger und ich ziehe mich wieder in mir zurück. Augenkontakt vermeiden. Das Gefühl von Scham schiebt sich in den Vordergrund. Ich schäme mich. Für was, weiß ich selbst nicht so genau. Für mich. Für jede Regung meiner Person.

Ich würde gerne den restlichen Tag auf diesem Hinterhof Balkon verbringen, aber Frau A. hat andere Pläne.

Zurück in ihrem Raum. Und ja, der Laufschritt dahin fühlt sich weiterhin völlig bescheuert an.

Die Frage aller Fragen: Ist der Laufimpuls ein deckender oder das vorherrschende, echte Bedürfnis?
Anfangs war ich mir ganz sicher, es wäre das grundlegende Bedürfnis. Mittlerweile kommt es mir immer mehr so vor, als wäre der Laufimpuls eher die Ablenkung und Deckelung. Aber was darunter liegt? Alle Achtung: ICH HAB KEINE AHNUNG!

Die Aufmerksamkeit geht zu den Händen, weil dort auch die Anspannung steigt und irgendetwas sich verändert. Was wollen die Hände tun? Der Impuls des Schlagens ist noch da, wird aber überlagert von etwas anderem. Ich brauche Widerstand. Resonanz. Rückmeldung. Gegendruck. Meine rechte Hand will das. Nur weiß ich nicht in welche Richtung und wie. Versuchen wir es mit dem Theraband.
„Möchten sie dabei stehen bleiben?“ -Nein, eigentlich möchte ich mich setzen. In den großen blauen Sitzsack in der Ecke.
Ich versuche herauszufinden, was meine Hände tun wollen, komme aber nicht dahinter.

Frau A. schlägt vor, dem ersten Impuls des Schlagens nachzugehen. Etwas, das Widerstand gibt, aber auch irgendwann nachgibt. Der rote (kleinere) Sitzsack. Sie legt ihn vor mir auf den Boden und ich merke schon, wie meine Anspannung weiter steigt. Da ich etwas erhöht sitze, macht sie den Vorschlag, dass wir den roten Sack auf einen Stuhl stellen. Er steht nun direkt vor mir. So, dass ich einfach zuschlagen könnte.

Aber ich kann nicht. Ich bin wie versteinert. Dissoziiert. Bekomme Panik und bin gleichzeitig eingefroren. Ich will weg. Einfach hier raus. Wegrennen von diesem Ort. Alles in mir warnt mich vor der Gefahr. Ich kenne dieses Gefühl, doch ich habe es nie so deutlich wahrgenommen, wie jetzt. Ich bin gefangen in der Erstarrung, obwohl ich weglaufen möchte.

Ich schaffe es, mich Frau A. mitzuteilen und sie sorgt dafür, dass der Sitzsack verschwindet. Erst ein Stück von mir weg und schließlich fliegt er aus der Tür nach draußen.

Ich werde daran erinnert, dass ich in Sicherheit bin. Dass dieser Ort hier nicht die Gefahr ist. Dass das gerade die Erinnerung war. Die Erinnerung meines Körpers.

Langsam sinkt die Spannung ein wenig, aber ich bin wieder in meinem Schneckenhaus. Schlage die Beine übereinander, ziehe die Schultern nach oben, verschränke die Arme vor dem Kissen, das vor meinem Oberkörper liegt und starre Löcher in die Luft.

Währenddessen versucht Frau A. mir die neurobiologische Theorie zu erklären, die hinter der Situation steht. Ich verstehe, aber ich kann es nicht spüren. Von außen betrachtet, ergibt alles Sinn, was sie sagt. Aber gilt das auch für mich?
– Nein, so schlimm war das alles gar nicht. Ich bin selbst Schuld. Habe gar keine „posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS). Und wenn doch, habe ich mich höchstens selbst traumatisiert.

Und mal wieder weiß ich nicht, welcher Stimme in meinem Kopf ich glauben soll.

Mir wird schlecht. „Ich habe das Bedürfnis mich zu übergeben“.
Bekomme Ess-Brech-Druck und allein der aufsteigende Druck macht mich so wütend auf mich selbst, dass es sich gegenseitig immer weiter hochschaukelt.

Die Stimme der Magersucht liefert sich einen ordentlich Schlagabtausch mit der Stimme der Bulimie. Und ich sitze da und kann nur spüren, wie in meinem Kopf erneut PingPong gespielt wird.
Und dann verstehe ich. Ein ganz kleines bisschen. Ein Teil in mir begreift, dass die Essstörung keine ESSstörung ist, sondern sich absolut auf die PTBS bezieht. Dass es eine Reaktion meines Körpers ist, mit dem Ekel und der Scham in mir umzugehen. Dass es ein Lösungsversuch ist. Eine natürliche Reaktion. Nur nehme ich das nicht so wahr, weil die Verknüpfung fehlt. Erstmal die zu meinem Körper und dann die vom Körper zu den „wissenden“ Erinnerungen.
Ich konnte gar nicht verstehen. Bis zu diesem Zeitpunkt.
Ich bin weder zu dumm zum essen, noch maßlos oder gierig. Ein Teil in mir, auf den ich mit dem Verstand keinen Einfluss habe, versucht da einen Konflikt zu lösen.
Nur alleine geht das nicht. Da müssen schon alle Teile mit einbezogen werden, mein Lieber!

Ich klinge wahrscheinlich wirklich ziemlich schizophren, aber ich glaube, dass die Leute unter euch mit einer dissoziativen Identitätsstörung oder einer komplexen traumatischen Störung sehr genau verstehen, wovon ich spreche. Vielleicht auch alle anderen. Lasst es mich wisssen!

Tüdelü.

5 Kommentare

  1. danke für diese detailierte beschreibung.
    find ich sehr spannend, wie konkret du in der therapie mit dem körper und seinen impulsen arbeitest. da bin ich fan von. 🙂 aber erlebe auch schnell hohe stressbereiche, die nicht so einfach sind.

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  2. Hey du inspirierendes Wesen,
    vielen vielen Dank für deinen Blog!!! Ich bin über die LYHO-Facebook Gruppe und deinen Instagramaccount auf deinen Blog gestolpert und kann gar nicht mehr aufhören zu lesen.
    Du beschreibst so fein und detailliert was in dir vorgeht, das beeindruckt mich tief!!
    Ich selbst kenne beide Seiten (ich bin Psychotherapeutin und habe ein Trauma hinter mir) . Was du schreibst ist so hilfreich, vielen vielen Dank für deinen Mut ❤️

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  3. Hallo Du, bin tief bewegt, wie du all dies hier beschrieben hast. Ich selbst erkenne mich darin und weiß nur zu gut, wie es sich anfühlt. Du hast meinen tiefsten Respekt, dass du so offen darüber schreibst, geh diesen Weg weiter, mir z.B. machst du Mut, auch aus dem Schweigen und der Scham herauszutreten. Bin im Übrigen auch eine aus LYHO … unsere Geschichten verbinden uns alle irgendwie und das ist ein tolles Gefühl! Danke für deine Offenheit in all deinen Texten, ich werde dich weiter verfolgen 🙂

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